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Prozess um Beton-Leiche offenbart Abgründe
Erschienen am 11. Februar 2008

Von Gisela Friedrichsen, Stuttgart

In einer Augustnacht sollen sie ihren perfiden Mordplan ausgeführt haben. Drei junge Männer und eine 17-Jährige stehen seit heute in Stuttgart vor Gericht, weil sie Yvan S. getötet, zerstückelt und einbetoniert haben sollen - woher rührte ihr hemmungsloser Hass auf den 19-jährigen Schüler?

Fassungsloses Entsetzen
Im Sommer des vergangenen Jahres kam das Verbrechen an dem 19-jährigen Gymnasiasten Yvan Schneider aus Rommelshausen im Remstal, einer Gemeinde im Hinterland von Stuttgart, ans Licht. Nicht nur Eltern, Geschwister und Klassenkameraden des Opfers wurden von fassungslosem Entsetzen überwältigt, sondern gleichermaßen die Ermittler, ja die gesamte Öffentlichkeit, so weit sie von der Bluttat erfuhr.

Foto-Serie Zerstückelt, einzementiert und im Fluss versenkt

Aus dem Haus gelockt
Denn der völlig arglose Schüler war am Abend des 21. August 2007 offenbar von einem 16-jährigen Mädchen aus dem Haus gelockt und auf einer Wiese von zwei ihm unbekannten jungen Männern auf äußerst brutale Weise mittels eines Baseballschlägers niedergeschlagen und zu Tode getreten worden. Angebliches Motiv: Eifersucht. Die 16-Jährige soll dabeigestanden und zugeschaut haben.

In 14 Teile zerstückelt
Den Toten sollen die Täter anschließend zu einem Fabrikgelände in Stuttgart-Bad Cannstatt geschafft haben, wo der Vater des mutmaßlichen Haupttäters über einen Lagerraum verfügte. Dort wurde die Leiche mit Hilfe eines dritten jungen Mannes in 14 Teile zerstückelt, das junge Mädchen soll die Blutspuren beseitigt haben. Doch nicht genug damit: Die in Folie verpackten Einzelteile sollen die Täter zwei Tage später in die Kellerwohnung eines Mehrfamilienhauses im Stuttgarter Osten gebracht, dort in Blumenkübel einzementiert und am 25. August bei Plochingen in den Neckar geworfen haben.

Vater soll geholfen haben
Nur den Torso, den sie ebenfalls einzementieren wollten, wegen des Gewichts aber nicht tragen konnten, legten sie in einem Waldstück bei Großbottwar bei Ludwigsburg ab, wobei der Vater des mutmaßlichen Haupttäters geholfen haben soll. Die Polizei klärte das Verbrechen relativ schnell auf, da aus der Kellerwohnung starker Verwesungsgeruch drang und die Täter dort Zement, Blut und Leichenflüssigkeit zurückgelassen hatten.

"Einlassung zur Person"
Heute begann vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart, einer Jugendstrafkammer mit dem Vorsitzenden Richter Jörg Hettrich, der Prozess gegen vier Angeklagte. Drei von ihnen berichteten am Vormittag über ihre Herkunft, ihren Werdegang, über das also, was im Juristendeutsch "Einlassung zur Person" heißt.

Heikles Thema Herkunft
Das Thema Herkunft ist heikel. Wer es aufgreift, setzt sich in der gegenwärtig aufgeheizten politischen Situation geradezu reflexhaft dem Vorwurf der Voreingenommenheit, ja des Rassismus aus. Dennoch kann es nicht totgeschwiegen werden, weil das Gericht bei der Aufklärung der Tat nach Einstellungen, Lebenssituation und Formen des Verhaltens im Mit- und Zueinander der Angeklagten zu suchen hat.

Krank, aber verhandlungsfähig
Der 19-jährige mutmaßliche Haupttäter Deniz E. stammt aus einer türkisch-kroatischen Familie. Er ist gegenwärtig im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg wegen latenter Selbstmordgefahr untergebracht. Sein Verteidiger, Maximilian Pauls aus München, hatte zu Prozessbeginn beantragt, die Verhandlungsfähigkeit seines Mandanten von einem der anwesenden Jugendpsychiater prüfen zu lassen. Professor Michael Günther untersuchte E. daraufhin und stellte zwar eine "krankheitsbedingte Verlangsamung und Einschränkung seiner Möglichkeiten, sich zu äußern" fest, aber nicht eine komplette Verhandlungsunfähigkeit. Daraufhin erklärte der Verteidiger, E. werde gegenwärtig keine Angaben machen.

Ein gebrochener Mann
Die Eltern des heute 17 Jahre alte Mädchens kamen vor 26 Jahren aus Eritrea nach Deutschland. Der Vater ist Frührentner und sitzt als gebrochener Mann zusammen mit seiner Frau neben der Verteidigerin der Tochter. Sie hätte Rechtsanwaltsgehilfin werden sollen. Aber dann war ihr "anderes wichtiger" und sie geriet in Kontakt mit Deniz, der sie mit einem Sportwagen durch die Gegend kutschierte, beschenkte und langsam aber sicher auf die schiefe Bahn zog.

Familienoberhaupt mit 18
Der 18 Jahre alte Roman stammt aus Kasachstan. Was er über den Alkoholismus seines Vaters, seines Großvaters, ja aller Männer in seiner Herkunftsfamilie erzählt, ist erschütternd. Als der Vater als Familienoberhaupt in Deutschland ausfiel, weil er nur noch betrunken und gewalttätig war, übernahm der älteste Sohn Pflichten, die ihn naturgemäß überforderten.

Die Fratze des Modewortes
Und dann gibt es noch Kai M., 23 Jahre alt, gebürtig in Polen. Sein Vater hat sich längst aus dem Staub gemacht. Seine Mutter ist inzwischen zum vierten Mal verheiratet. Was heute "Migrationshintergrund" genannt wird - hier ist die hässliche Fratze dieses Modewortes zum Greifen, zum Begreifen nahe.

Gemeinschaftlicher Mord
Den vier Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft gemeinschaftlichen Mord vor. Gegen den 44 Jahre alten Vater von Deniz E., einen weiteren 36 Jahre alten Mann sowie die mit einem der Angeklagten befreundete Mieterin der Kellerwohnung, die von dem Tatplan gewusst haben sollen, wird gesondert ermittelt.

Noch ist vieles unklar, etwa die Rollenverteilung. Wer tat, wer wusste was? Warum behauptete die damals 16-Jährige laut Deniz E., Yvan Schneider habe sie gegen ihren Willen entjungfert? Oder war es nur ein Kuss? Sie habe Namen nennen müssen, sagte sie heute Nachmittag mit kaum hörbarer Stimme, er habe nicht aufgehört. Tatsächlich, so fanden die Ermittler heraus, hatte das Opfer mit dem Mädchen wohl keinerlei Beziehung. Sie kannte nicht mal seine Telefonnummer. Warum erzählte sie von intimen Kontakten mit weiteren zwei jungen Männern? Aufschneiderei? E. soll nicht nur eifersüchtig, sondern geradezu besessen gewesen sein von dem jungen Mädchen. Er habe alle umbringen wollen, die seine Freundin "beschmutzt" hätten, heißt es. Warum also goss sie noch Öl ins Feuer?

Sie hat nicht gefragt
Warum lockte sie den nichts Böses ahnenden Yvan aus dem Haus? Wusste sie von der mörderischen Absicht ihres Freundes? Oder wusste sie nichts? Sie habe nicht gefragt, warum sie Yvan eine Falle stellen sollte. Sie habe sich nichts gedacht. Und dann, als es soweit war: "Ich konnte es nicht glauben? Ich hab mich total erschreckt und stand nur noch da." Wer soll das glauben. Warum tat sie nichts, als Deniz auf Yvan mit einem Baseballschläger losging? Sie habe sich weggedreht, sagt sie. Versuchte sie nicht, Deniz zurückzuhalten, als er auf das schon am Boden liegende Opfer weiter einprügelte und schließlich mit den Füßen auf ihm herumtrampelte? Nein. Sie ließ sich anschließend von Deniz heimfahren und ging zu Bett.

Eltern verlassen den Saal
Warum tat Roman, der Bundeswehrsoldat, nichts? Stand er nur in der Gegend herum? Seine Beschreibung der Tat vor Gericht ist so entsetzlich, dass die Eltern Yvans fluchtartig den Saal verlassen. Warum machte er überhaupt mit? Er habe Deniz "schützen" wollen, sagt er, falls es der mit "einem Stärkeren" nicht hätte aufnehmen können. Deniz habe die verflossenen Liebhaber seines Mädchen "schlagen" wollen. Yvan habe er überhaupt nicht gekannt. Er bestreitet, an der Planung beteiligt gewesen zu sein. Warum fiel er Deniz dann nicht in den Arm? Woher wusste er, dass der junge Mann, der ihm mit der 16-Jährigen auf dem Trampelpfad zur römischen "Villa Rustica" entgegenkam, einer jener Ex-Liebhaber gewesen sein soll? Vieles klingt unglaublich.

Keiner verlor die Nerven
Die Vorstellung, dass junge Leute mit solch hemmungsloser Brutalität auf einen der ihren eindreschen, der ihnen noch nicht mal irgendetwas getan hatte, entsetzt. Was dann folgte, entsetzt noch mehr. Das Zerstückeln der Leiche. Die Idee, Teile davon in Kübel einzuzementieren und im Neckar zu versenken. Das Tage andauernde Beseitigen des Toten. Zwischendurch kehrten die Täter immer wieder in ihren Alltag zurück. Von einer Affekttat, einem kurzfristigen Ausrasten kann also nicht die Rede sein. Da lief niemand in Panik weg. Da verlor keiner die Nerven. Da wurde überlegt und geplant. Da wurden Kübel und Zement herbeigeschafft. Als der in einer Mülltonne einzementierte Torso zu schwer wurde, war ein Flex-Gerät zur Hand, mit dem man den Zement wieder beseitigte. Und da soll auch noch Vater E. gewesen sein, der das Transportauto für die schwere Last zur Verfügung stellte und beim Wegbringen half.

"Gewalt hilft niemals weiter"
Die Familie des Opfers stammt aus dem Elsass, der Vater ist Musiktherapeut. In diesem Jahr hätte der Junge am Stuttgarter Wagenburg-Gymnasium das "Abibac", also das deutsche Abitur und das französische Baccalaureat, ablegen sollen. Mit anrührenden Aktionen versuchen seine Mitschüler seither, den Einbruch des Grauens in ihre hoffnungsvolle junge Welt zu bewältigen, etwa mit Hilfe eines Gedenkabends im Stuttgarter Alten Theater sowie einem Auftritt im Internet. Heute erschienen sie vor dem Landgericht in T-Shirts mit der Aufschrift "Gewalt hilft niemals weiter". Und auf der Rückseite - Yvan war ein begeisterter Handballer - trugen sie seine Nummer 10.

Unterschriften gesammelt
Sie fordern, dass die Angeklagten nicht nach Jugendstrafrecht abgeurteilt werden dürften. Sie haben Unterschriften dafür gesammelt, haben im Internet für ihr Anliegen geworben: "Wir wollen mit dieser Unterschriftenaktion dem Wunsch der Bürgerinnen und Bürger Ausdruck verleihen, um sicherzustellen, dass von derart grausamen Tätern niemals mehr eine Gefahr für die Menschen in unserem Lande ausgeht. Dies haben die zu unserem Schutz aufgerufenen Institutionen zu leisten."

Rechtsstaat geht anders
Bei allem Verständnis für die Wut und die Rat- und Hilflosigkeit derer, die Yvan liebten und kannten: Ein Rechtsstaat funktioniert anders. Da schaffen nicht Angehörige und Freunde des Opfers entsprechend ihren Gefühlen Gerechtigkeit. Nicht die Hinterbliebenen bestimmen über die Höhe der Strafe, sondern unabhängige Richter urteilen nach Recht und Gesetz. Die jungen Leute müssen dies begreifen lernen. Das sind sie um eines friedvollen Miteinanders willen dem so tragisch zu Tode Gekommenen schuldig.

Quelle: http://nachrichten.t-online.de/c/14/20/02/44/14200244.html