Neues Deutschland
19.11.2007 / Ausland / Seite 8

Neuer Krieg am Horn von Afrika?
Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea eskaliert

Von Anton Holberg

Seit September mehren sich die Stimmen, die vor einem neuen Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea warnen. Beide Staaten hatten ab Mai 1998 einen 18 Monate andauernden Krieg geführt, der mindestens 80 000 Tote und 1,5 Millionen Flüchtlinge zur Folge hatte.

Die Uhr tickt. Am 27. November läuft die Frist ab, die die internationale Schiedskommission Äthiopien und Eritrea gesetzt hat, sich endlich über den Grenzverlauf zu einigen. Die Vorlage dafür liegt schon lange auf dem Tisch. Nachdem der Krieg 2000 beendet worden war, sollte eine UN-Komission die Grenze zwischen den Ländern festlegen. Im April 2002 sprach sie auch das Dorf Badme Eritrea zu, was die äthiopische Regierung allerdings ablehnte. Vor einem Jahr gab die Kommission beiden Seiten genau zwölf Monate Zeit, das Ergebnis ihrer Arbeit zu akzeptieren – bis zum 27. November.

Von Akzeptanz ist derweil nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Nachbarstaaten haben ihre militärische Präsenz im Grenzgebiet deutlich erhöht. Eritrea soll 4000 Soldaten in der auf seinem Territorium liegenden 25 Kilometer breiten entmilitarisierten Grenzzone und weitere 120 000 in unmittelbarer Nähe zusammengezogen haben, während Äthiopien 100 000 Soldaten an der Grenze postiert habe.

Die »International Crisis Group« (ICG) warnt in einem ausführlichen Bericht vor der Gefahr eines neuen Krieges. Obwohl die ICG die USA und die UNO auffordert, zu intervenieren, um den Frieden zu erhalten, sieht sie auch die Gefahr, dass Äthiopien dieses Mal mit USA-Deckung vorgehen könnte. Würde Äthiopien die eritreische Hauptstadt Asmara und den Hafen Aseb erobern, wäre der Sturz einer Regierung vollzogen, die von Washington in letzter Zeit wegen ihrer Unterstützung für den Widerstand gegen die äthiopische Besetzung Somalias zumindestens intern als »Unterstützer des Terrorismus« bezeichnet wird. Gleichzeitig könnte Äthiopien seinen Zugang zum Roten Meer wiederherstellen, den es mit dem Erfolg des nationalen Befreiungskampfes des eritreischen Volkes verloren hatte.

Dieser 30 Jahre andauernde Befreiungskampf richtete sich lange Zeit auch gegen die USA, die zu Zeiten Kaiser Haile Selassies bei Asmara eine wichtige Spionagestation unterhielten. Die USA haben stets auf Äthiopien als regionale Vormacht gesetzt. Es bietet sich in Zeiten, da die »Neocons« den »Islamofaschismus« als leicht zu vermittelnden Hauptfeind entdeckt haben, zudem als Partner an, weil die staatstragenden Völker Äthiopiens, die Amharen und unter Meles Zenawi die Tigre, Christen in einer weitgehend islamischen Umwelt sind.

So haben die USA schließlich grünes Licht dafür gegeben, dass die äthiopische Armee im vergangenen Dezember die aus Kriegsfürsten und anderen mit den USA und Äthiopien befreundeten Kräften zusammengesetzte Somalische Übergangsregierung (TFG) in Mogadischu einsetzen konnte. Eritrea unterstützte daraufhin verstärkt die antiäthiopische Opposition unter Führung der gestürzten Regierung der Union der Islamischen Gerichtshöfe (UIC) und wohl auch verschiedene oppositionelle Bewegungen in Äthiopien selbst. Was einen Angriff Äthiopiens auf Eritrea möglicherweise eher verhindern könnte als der mit einer solchen völkerrechtswidrigen Aktion verbundene Imageschaden für die Regierung in Addis Abeba, ist die Vermutung, dass ein »Blitzkrieg«-Szenarium kaum möglich erscheint.

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