Eritrea in Frankfurt

Seit den achtziger Jahren leben viele eritreische Flüchtlinge in der Mainstadt
 

(03.07.07) Alle freuen sich auf den Juli. Denn dann werden sich, wie alljährlich, in der Frankfurter Eissporthalle wieder tausende von Eritreern aus allen Bundesländern und aus ganz Europa treffen und drei Tage lang vom 6. bis 8. Juli für sich und deutsche Freunde ein buntes Programm veranstalten. „Es wird wieder ein ganz großes Event“, schwärmt Mesfin Girmay. Der Bankkaufmann lebt seit 1980 in Deutschland und engagiert sich neben seinem Beruf im Vorstand des 1986 gegründeten Vereins „Mahbere-kom Eritrea Frankfurt e.V.“, der an die fünfhundert Mitglieder zählt.

Vor allem in den achtziger Jahren kamen die meisten Menschen aus dem kleinen afrikanischen Land am Roten Meer mit seinen rund fünf Millionen Einwohnern in die Bundesrepublik, wo heute etwa 22000 bis 23000 von ihnen leben. Bei fast allen handelte es sich um politische Flüchtlinge, die damals während der so genannten Befreiungskriege gegen Äthiopien und der damit verbundenen schweren Unruhen ihre Heimat verließen. Nachdem im April 1993 über 99 Prozent der eritreischen Bevölkerung in einem Referendum für die bald darauf proklamierte Unabhängigkeit ihres Landes gestimmt hatten, blieben die Beziehungen zum großen Nachbarn im Süden zwar weiterhin äußerst gespannt, doch der Flüchtlingsstrom ebbte allmählich ab.


Voll integriert fühlen sich die Frauen aus Eritrea, die die Gäste beim Griesheimer Mainuferfest mit köstlichem Kaffee verwöhnten.
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Mit rund 6000 Eritreern umfassen Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet deren größte „Community“ in Deutschland. Wie schwierig es sein muss, sich als Flüchtling in der Fremde einzuleben, wissen alle, die einmal ein ähnliches Schicksal er fahren haben. Zumal, wenn man aus einem Land kommt, in dem es neben der Hauptsprache Tigrigna noch weitere acht Sprachen gibt, wo man einen Beruf erlernt hat, den man als Asylant nur in seltenen Fällen ausüben kann. „Aber die Leute unseres Volkes sind große Organisationstalente“, erklärt Teclu Lebasse vom Konsulat des Staates Eritrea in Frankfurt voller Selbstbewusstsein. Und Mesfin Girmay unterstreicht ausdrücklich „wir integrieren uns gern“.

Er selbst scheint ein gutes Beispiel dafür zu sein. Beruflich erfolgreich, in elegantem Grau mit weißem Hemd und Krawatte unterscheidet ihn eigentlich nur seine Hautfarbe von anderen, die nachmittags im Café ihren Cappuccino trinken. Stolz präsentiert er die Ehrenamts-Card der Stadt Frankfurt, die er für sein Engagement in der Kommunalen Ausländervertretung erhalten hat. Wichtig ist ihm aber bei aller Integrationswilligkeit und -fähigkeit, dass die Verbindung zur Kultur und zu den Traditionen des Heimatlandes nicht verloren geht. So organisiert der Verein „Mahbere-kom Eritrea“ neben Bildungsseminaren auch Veranstaltungen mit traditioneller Musik. Man hält die Verbindung zum aktuellen Geschehen in der fernen Heimat durch die Internet-Zeitung „Haddas Eritrea“ und beliefert den Offenen Kanal mit verschiedenen Beiträgen. Daneben bietet man praktische Beratung in Renten-, Steuer- und Finanzfragen, informiert über Rechte und Pflichten und versucht, eventuelle Probleme oder Konflikte gemeinsam zu lösen.

Obgleich sich nach oft jahrlangem Aufenthalt im neuen Land natürlich auch neue Wurzeln gebildet haben und sich besonders die jüngere Generation hier durchaus daheim fühlt, erleben auch die eritreischen Einwanderer die zwiespältige Situation von Menschen zwischen zwei Welten. „Man will Deutschland nicht verlassen, aber Eritrea auch nicht vergessen“, umschreibt Mesfin Girmay den Standort zwischen unterschiedlichen Kulturen und die manchmal sich daraus ergebenden Wertekonflikte. Stolz verweist er aber auf die seiner Meinung nach typischen Eigenschaften seines Volkes wie Fleiß, die innerer Ausrichtung nach den Geboten der orthodoxen Kirche und die Ehrlichkeit, „bei uns im Land kann man sein Auto offen lassen, da wird nichts gestohlen“. Auch fänden sich, so unterstreicht er, Eritreer nur in seltenen Fällen in deutschen Kriminalstatistiken. Ein wenig verändert habe sich - zumindest unter jüngeren Leuten - die Stellung der Frauen. Aber nach wie vor, so erklärt er fast poetisch „sind sie der still arbeitende Motor in unserer Gesellschaft, und sie halten alles zusammen“. Wie überhaupt in der Community der Zusammenhalt, das Netzwerk, als sehr wichtig gilt. Offen für Neues ist man trotzdem, und überzeugend behauptet Mesfin Girmay dazu, dass er „gern Schweinshax’ mit Sauerkraut“ isst.

Lore Kämper