Berliner Zeitung » 2008 » 22.Feb. » Feuilleton

KINDERSOLDAT
Ein Begriff wird ausgehöhlt

22.02.2008

Feuilleton - Seite 25

Abini Zöllner

Selbst, wenn die Geschichte erfunden worden wäre, wäre sie an der historischen Wahrheit entlang erfunden. Senait Mehari beschreibt in "Feuerherz" ihre Kindheit mitten im eritreischen Bürgerkrieg. Das Buch geriet erst in die Bestsellerlisten, dann in die Schlagzeilen. Denn der Journalist Peter Disch zweifelte an der Biografie. Also recherchierte er und bot sein Ergebnis vor einem Jahr mehreren Redaktionen feil. Nicht alle waren überzeugt. Auch der tendenziöse Ton schreckte ab. Bis er beim Medienmagazin "Zapp" zündete. Der Feuerherz-Skandal wurde entfacht - am 14. 2. 2007.

Bis heute bezweifelt niemand, dass Senait Mehari den Krieg erlebt hat. Die Frage ist: Wie hat sie ihn erlebt? Lukas Lessing, der Ghostwriter des Buches, reiste zweimal mit Mehari an die Schauplätze und sprach mit Verwandten, bevor er schrieb. Peter Disch war nie in Eritrea, entfesselte aber mit der NDR-Autorin Julia Salden eine Art Kampagne. Am Mittwoch war bei "Zapp" wieder mal Skandal-Time. Denn "Feuerherz" wurde indes verfilmt und die Produzenten sollen "falsche" (genauer: umstrittene) Belege nutzen.

Laut "Zapp" habe es zur Uraufführung des Films vor dem Berlinale-Palast "Sprechchöre" gegeben, so als fühlten sich "viele Eritreer" provoziert. Tatsächlich waren es etwa fünf versprengte Protestler. Zufällig genau jene, die "Zapp" seit einem Jahr gern als "Zeitzeugen" präsentiert. Wie Abraham Mehreteab, der in die Kameras rief, es gäbe "keine sogenannten Kindersoldaten in Eritrea". In diesem Sinne suggeriert also "Zapp" weiter, es fehle an Belegen.

Und welche hat "Zapp"? Was beweist es, wenn "Weltspiegel"-Autor Christoph Maria Fröhder "nie Kinder in Kampfeinheiten gesehen" hat. Und Günter Schröder (ehemaliger "Eritrea-Experte") weiß, dass keine Kinder "im Alter von 8, 10, 11 eingesetzt wurden"? Gab es deshalb keine Kindersoldaten? Jener Schröder bestätigte noch 2002 in einem Gutachten, dass "eine beachtliche Zahl von Jugendlichen unter 18 in den Kampfverbänden landete". Diese, seine Arbeit hält er indes nicht mehr aufrecht. Können sich derartige Fakten einfach ändern? Oder gab es keine Kindersoldaten, weil "Zapp" so erfolglos bei der UNO und bei Unicef recherchierte?

Im Bericht von Amnesty International (Mai 2004) jedenfalls beschreiben zwei Eritreer ihre Rekrutierung als Kinder. In der Hamburger Uni (nahe dem NDR) lassen sich die zwei Bände "Kämpferinnen und Kämpfer im eritreischen Unabhängigkeitskrieg 1961-1991" beschaffen. Bei amazon.de gibt es "Die Freiheit haben wir nicht von den Männern. Frauen in Eritrea" (9,90 Euro). In jenen Quellen bestätigen Eritreer, als Kinder mit Waffen hantiert und sogar gekämpft zu haben. Egal?

Bei "Zapp" ist von "angeblichen" Kindersoldaten die Rede. Dann gibt es keine unter elf Jahren. Am 19. 2. steht sogar auf der Website: "Kinder wurden ... zwar rekrutiert. Soldaten wie in Uganda oder dem Kongo waren sie aber nicht." Mit dieser zynischen Interpretation höhlt "Zapp" die international gültige UN-Definition von "Kindersoldaten" aus. Es geht um Kinder (unter 18!), die von ihren Familien getrennt und in eine militärische Umgebung gezwungen wurden. Um ihr Heranwachsen unter Rebellenaufsicht, im Krieg.

Vier Menschenrechtsorganisationen forderten nun "insbesondere ,Zapp'" auf, nicht einseitig zu recherchieren und wehren sich gegen den missachtenden Umgang mit dem Begriff. Sogar Günter Schröder bemerkte im jüngsten "Zapp"-Beitrag, dass einige nicht die "wirkliche Information" wollen, sondern nur "ihre Interessen aufrecht" erhalten.

Er meinte jedoch die Filmproduzenten. Nicht die Fernsehmacher.