Stuttgarter Nachrichten - 14.02.2007

DNA-Spuren an Kippe

Prozess wegen Sexualdelikts zehn Jahre nach der Tat


Mehr als zehn Jahre nach der versuchten Vergewaltigung einer Prostituierten muss sich jetzt der vermeintliche Täter vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Angeklagt ist ein 31-jähriger Eritreer, dem außerdem Körperverletzungen an Opfern aus dem Obdachlosenmilieu angelastet werden.

VON JÜRGEN LESSAT

Für das "merkwürdige Verhalten" der Liebesdienerin will Michel T. bis heute keine Erklärung haben. "Ich hatte noch nicht einmal die Hose ausgezogen, da ist sie schon aus dem Fenster gesprungen, obwohl ich ihr bereits 100 Mark bezahlt hatte", legt der Angeklagte der Großen Strafkammer des Landgerichts die Vermutung nahe, dass er ohne sexuelle Gegenleistungen von der Prostituierten Dunja S. abgezockt werden sollte.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft stellen sich die Ereignisse, die sich am 6. April 1996 in einem einschlägigen Etablissement in der Stuttgarter Altstadt abspielten, völlig anders dar. "Der Angeklagte hielt der Prostituierten ein Messer an den Hals, warf sie aufs Bett und drohte wörtlich, sie totzumachen und ihr Gesicht zu verstümmeln, wenn sie seinen sexuellen Forderungen nicht Folge leisten würde", bewertet der Oberstaatsanwalt die Vorgänge als versuchte Vergewaltigung. Später habe der Angeklagte einen Strumpf zerschnitten, mit dem er sein Opfer würgen wollte. Diesen Moment nutzte Dunja S., um durch das geöffnete Fenster zu entkommen. Den gleichen Weg nahm danach auch der Täter auf seiner Flucht. Mehr als ein Jahrzehnt blieb er unerkannt.

Auf die Spur von Michel T. kam die Polizei jetzt durch einen Zigarettenstummel, der im Etablissement zurückgeblieben war. An dem Beweisstück fanden sich DNA-Reste, die im Sommer letzten Jahres dem Angeklagten zugeordnet werden konnten. Michel T. befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in Haft, weil er zwischen Mai und Juli 2006 in fünf Fällen in angetrunkenen Zustand mehrere Bekannte aus dem Obdachlosenmilieu am Rupert-Meyer-Platz geschlagen und getreten haben soll. Anlass der Handgreiflichkeiten, die zu Schlagzeilen über die gewaltsame Szene am sozialen Brennpunkt unter der Paulinenbrücke führte, waren schlicht "Missverständnisse oder Provokationen". Für vermeintliche Eifersüchteleien, Diebstähle und Beleidigungen, so ergab die Vernehmung des Angeklagten zu den Tatvorwürfen, büßten die meisten Opfer, darunter auch Frauen, mit stark blutenden Wunden.

Einem Kontrahenten zerschmetterte er mit dem Ellenbogen Joch- und Nasenbein, auf einen anderen drosch er mit einer Krücke ein, die er zuvor einem älteren Landsmann abgenommen hatte. "Ich habe mich entschuldigt", gab der Angeklagte zu, dass er in einem Fall losgeprügelt habe.

Michel T., der 1982 mit zehn Jahren von Eritrea nach Deutschland kam und später bei Pflegefamilien und in verschiedenen Heimen aufwuchs, verbrachte viele Jahre seines Lebens hinter Gittern. Erstmals wurde er im Jahr 1988 wegen Vergewaltigung mit gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt. Als Erwachsener erlitt er eine schwere Kopfverletzung, die ihn bis heute zur Medikamenteneinnahme zwingt. Deshalb soll an den weiteren elf Verhandlungstagen, zu den 19 Zeugen geladen sind, ein psychiatrischer Gutachter klären, ob Michel T. zurechnungsfähig ist. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Aktualisiert: 13.02.2007, 06:14 Uhr